Text zu „Der Ort des Entschlusses“

Ach ja, ein Brief! Das wäre schön, wenn ich auch einmal wieder einen Brief erhalten würde. Wie lange ist es jetzt schon her, daß ich keine Nachricht von zu Hause erhielt? Wohl 12, nein 14 Monate muß es schon sein, als ich den ersten und bisher einzigen Brief erhielt. Ja und dann noch zwischendurch eine Karte von meinem Mädchen. Eine ganz kurze Karte.
Das waren noch Zeiten!
Ob mein Mädchen wohl noch an mich denkt? Und ob ich wohl wieder einmal eine Nachricht erhalte?

Und schon sind meine Gedanken bei den Liebsten in der Ferne und besonders bei meinem kleinen Mädchen. Und im Halbschlaf sehe ich die langgehegten Wunschträume wirklichkeit werden. Wie ich zu Hause bin und all der Jammer und die Not der Gefangenschaft ist wie weggeblasen. Ich bin frei! Ich kann wieder lachen und scherzen. Und kann glücklich sein!

“Was ist denn los Ralf?”
Ralf steht vor mir und hat mich unsanft aus meinen schönen Träumen gerissen. Ich muß ja schon fast geschlafen haben, denn es ist bereits vollkommene Ruhe in der Stube und die Leute liegen in den Betten.
Was Ralf nur will? Außerdem sollte er mich heute in Ruhe lassen! Ich bin totmüde. Aber er gibt keine Ruhe, der eklige Kerl. Ich soll sogar mit ihm kommen und mein schönes, warmes Bett im Stich lassen.
“Wohin soll ich kommen? – In das Clo?”
Na ja, da hast du recht, lieber Ralf, das hätte ich beinahe vergessen. In das Clo – na sowas!
Und schlaftrunken steige ich aus meinem Verschlag und wanke durch die Türe und den langen Gang der Baracke entlang. Huh, wie kalt es hier heraussen ist. Und warum mich Ralf überhaupt geweckt hat? Schließlich weiß er ja gar nicht, ob ich muß? – Na egal, jetzt bin ich shon mal da.

Als ich den Cloraum betrete ist auch Kurt anwesend und mir dämmert allmählich, warum wohl Ralf mich hierher geholt hat. Aber meine Müdigkeit bleibt trotzdem und resigniert setze ich mich auf eine Clo-Brille. Ralf folgt meinem Beispiel. Kurt steht dagegen an der Wasserleitung und spült sein Kochgeschirr fleissig aus.
“Na schieß schon los Kurt und spann uns nicht noch länger auf die Folter”, meint Ralf.
Und Kurt beginnt leise und hastig und lauscht dazwischen immer wieder, ob irgend jemand kommen könnte.

“Also hört mal her. Ich bin heute zu dem Entschluß gekommen, so bald als möglich von hier abzuhauen. Ein Posten hat mir erzählt, daß schon in den nächsten Tagen mehrere Transporte nach Warschau zum Wiederaufbau gehen sollen. Und wie es dort aussieht, brauch ich euch ja nicht zu erzählen. Auf alle Fälle gedenke ich bei diesen Transporten nicht dabei zu sein, und will daher so schnell als möglich weg. Je eher, desto besser. Und da wollte ich euch fragen, ob Ihr mitgeht”.

 

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